Jens Badura über Bildungsinstitutionen, Ästhetik, Transformation und die Alpen

Jens Badura, bekannt als alpenaffiner Philosoph und Freund der Transdisziplinarität, leitet den Bachelorstudiengang «Creative Transformation» an der Hochschule Luzern und beschäftigt sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft mit Fragen kultureller Transformation. Des Weiteren ist er verantwortlich für den Bereich Alpine Futures Literacy am Urner Institut Kulturen der Alpen.

Film still from “Chi Cava?” by Moritz Stuker / HSLU.

Du bist von Haus aus Philosoph und jetzt Dozent an einer Kunsthochschule. Wie kommt das?

Philosophie war meine akademische Heimat, war aber immer auch ein Gravitationsraum für Ausflüge in andere Disziplinen und die Lebenswelt. Nach der Habilitation habe ich das dann zum Programm gemacht und bin seither geradezu manisch transdisziplinär unterwegs. Meistens war ich dabei an Kunsthochschulen angebunden, oft aber zusätzlich an wissenschaftlichen Universitäten. Ein Befund, der mich dabei zunehmend umtreibt: Hochschulen als Orte des Wissens funktionieren heute nicht mehr so, wie wir es lange gewohnt waren. Damit meine ich die Vorstellung, dass «echtes» und ernstzunehmendes Wissen über die Wirklichkeit quasi exklusiv in Gebäuden entsteht und kultiviert wird, auf denen Universität oder Hochschule steht. Warum? Erstens sehen wir uns schon lange einer Dynamisierung von Wissensformen ausgesetzt und damit auch einer Verschiebung epistemischer Relevanzregime. Neue Wissenspraktiken und Wissenskulturen, wie zum Beispiel die künstlerische Forschung, werden ernster genommen. Zweitens ist da die Transdisziplinarität. Ich glaube, dass zentrale Herausforderungen unserer Wirklichkeit eine Ergänzung der klassischen Disziplinarität im Wissenschaftsbetrieb erfordern. Das bedeutet nicht nur, unterschiedliche disziplinär geprägte Perspektiven zu verknüpfen, sondern auch die Form des Disziplinären und den damit verbundenen akademischen Rahmen neu zu vermessen.

Meine heutige Tätigkeit als Leiter des Studiengangs «Creative Transformation» hat sehr viel damit zu tun. Am Anfang stand dabei die Frage: Welches Ausbildungsangebot müsste eine Hochschule eigentlich machen, wenn sie den allseits diagnostizierten, tiefgreifenden Transformationsbedarf produktiv angehen will? Welche Wissensformen und Expertisen müssen berücksichtigt werden, wie ist die Grenze zwischen Hochschule und ihrer Umwelt zu ziehen, welche Ausbildungsverantwortung und Zulassungskultur braucht es? Und: Wie lässt sich dem Umstand Rechnung tragen, dass Transformationsprozesse gestalterische Expertise brauchen und was können Kunsthochschulen hier wie beitragen?

Zur Hochschule als Institution: Wozu soll ich in einer schnelllebigen Welt noch studieren, wenn das vermittelte Wissen eines akademischen Abschlusses nicht zwingend für einen Job qualifiziert?

Die Erwartung, dass ein Studium das Rüstzeug für eine berufliche Perspektive mitgibt, ist schon lange mit einem grossen Fragezeichen zu versehen oder zumindest spezifizierungsbedürftig. Das jedenfalls dann, wenn gemeint ist, dass man im Studium genau das lernt, was dann im anvisierten Job konkret gebraucht wird – und man diesen Job durch so ein Studium dann auch quasi automatisch bekommt. Sicher: berufsfachliches Wissen und Können ist wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist die Fähigkeit, sich mit diesem Wissen und Können weiterzuentwickeln und zu verändern: nicht nur, weil sich konkret die Berufsfelder schneller als Curricula verändern, sondern auch, weil sich unser Verständnis von Wissen und Perspektive in einem grundlegenden Wandel befindet.

Ich plädiere daher dafür, das Verhältnis von Bildung und Ausbildung, das sich auch an den Hochschulen allzu stark in Richtung der Ausbildung hin ausgerichtet hat, wieder in Richtung der Bildung umzugewichten. Bildung in dem Sinne, dass man das Vermögen entwickelt, sich mit substanzieller Urteilskraft in bewegten Wirklichkeiten orientieren und im umfassenden Sinne des Wortes umsichtig und verantwortungsvoll handeln zu können. Eine wesentliche Aufgabe von Hochschulen ist es, Persönlichkeiten dazu zu befähigen, bedachte Entscheidungen im Lichte einer wohlinformierten Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart zu treffen und dabei unterschiedliche Dimensionen des Wissens – wissenschaftliches, praktisches, sinnliches – einzubeziehen, unabhängig von bestimmten berufsfeldspezifischen Skills.

Transdisziplinarität ist in deinem Denken sehr wichtig. Inwieweit ist eine Ausbildung in fragmentierten wissenschaftlichen Disziplinen überhaupt noch notwendig?

Das Studium in einem disziplinären Rahmen umfasst nicht nur die Vermittlung von Wissen innerhalb eines spezifischen Fachbereichs. Es besteht auch in der Einübung eines systematisch vertiefenden Blicks auf Phänomene in ihren Zusammenhängen bei gleichzeitiger Reflexion dieses Prozesses selbst, was in der Konsequenz dazu führt, dass man im Erkennen erfährt, wie sich bei genauer Betrachtung die Komplexität eines Sachverhalts gleichermassen erhöhen wie reduzieren kann. Es ist das Einüben hochauflösender Welterschliessung. Dieses Vermögen wiederum ist m.E. Bedingung der Möglichkeit für gute transdisziplinäre Praxis – denn dazu ist gleichermassen ein Sinn für tiefenscharfes Forschen wie auch das Wissen um die Grenzen der eigenen Expertise erforderlich – um dann von dort aus nach produktiven Koppelungen dieser Expertise mit anderen zu suchen und durch diese hindurch eine themendienliche kollaborative Kultur zu entwickeln.

Gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften entstanden zu Zeiten meiner Promotion eine ganze Reihe disziplinär unspezifischer, kulturwissenschaftlicher Bachelorstudiengänge, in denen eine bunte Mischung von disziplinären Happen serviert wurde. Viele dieser Studienrichtungen wurden später dann deutlich «disziplinierter», als klar wurde, dass die Absolvent:innen am Ende nicht nur nichts wirklich grundlegend durchdrungen hatten, sondern dass auch die Praxis des Durchdringens unzureichend ausgeprägt war.

Eine Variante dieses Problems ist es, wenn Studienangebote stark normativ motiviert sind und Wissen haltungslegitimierend arrangiert vermittelt wird, nicht aber ambivalenzoffen und vor allem mit unvoreingenommenem Zugang Hintergründe angeschaut werden. So ist Kritik am Neoliberalismus m.E. nicht sonderlich tragfähig, wenn sie nicht auf einem soliden Wissen um die Geschichte und Theorie des Liberalismus fusst. Ich habe mal in einem transdisziplinär ausgerichteten Bachelorstudiengang unterrichtet, in dem es um die Vermittlung von Transformationskompetenz ging – und dabei auch Bezug genommen auf die Bedeutung von Ethik in der ökonomischen Theorie von Adam Smith. Am Ende eines Seminars sagten Studierende zu meinem Erstaunen: «Jetzt haben wir endlich einmal etwas über Ökonomie gehört – und nicht nur Ökonomie-Bashing.» Hier liegt für mich ein wichtiger Punkt: Wir brauchen beides. Disziplinarität und Transdisziplinarität, unvoreingenommene Darstellung unterschiedlicher Positionen und begründete Haltungen im Verhältnis zu diesen. Man kann nicht nur über ungefähre Meinungen und selbstgewisse Kritik an einen Gegenstand herangehen, wenn man den Gegenstand vorher nicht einmal in seiner Vielschichtigkeit betrachtet hat.

Du wurdest schon als «Alpenphilosoph» betitelt, blickst aber nicht aus dem Elfenbeinturm auf die Materie, sondern bist an zahlreichen, sehr konkreten Projekten in der alpinen Region beteiligt. Weshalb haben es dir die Alpen besonders angetan?

Die Alpen sind ein kulturell hochspannender Raum, in dem sich viele Fragen – seien es grundsätzliche zum Menschsein oder konkrete wie der Klimawandel – wie in einem Brennglas zeigen und untersuchen lassen. Daher finde ich sie als Labor für kulturphilosophische und ästhetische Forschung sehr interessant.

Film still from “Chi Cava?” by Moritz Stuker / HSLU.

Meine philosophische Arbeit ist immer geprägt vom Wechselspiel zwischen Konzeptarbeit ein Phänomen betreffend und der Erprobung dieser Konzepte in der konkreten Wirklichkeit. Dabei motiviert mich die Auseinandersetzung mit der Widerständigkeit dieser Wirklichkeit gegenüber den Bemühungen, sie begrifflich zu durchdringen. Deshalb sind Projekte meist auch an der ein oder anderen Stelle «weltverankert» und in konkrete Zusammenhänge – z.B. Tourismus, Bergsport, nachhaltige Alpenentwicklung o.ä. – eingebunden, im Sinne eines «teilnehmenden Philosophierens». Zugleich gibt es aber auch Neigungen, die einem eher traditionellen Verständnis von Philosophie näher kommen. Von Camus gibt's Texte zur «Pensée du Midi», dem Denken im Höchststand der Sonne, das er als vom mediterranen Raum geprägt versteht. Die Frage, wie dem analog «Alpines Denken» charakterisiert werden könnte, treibt mich schon länger um.

Photo by Julian Stettler.

Was bedeutet Ästhetik in deinem philosophischen Wirken?

Alexander Baumgarten, der den Begriff Mitte des 18. Jahrhunderts als philosophischen Terminus eingeführt hat, fasste Ästhetik als Theorie sinnlicher Erkenntnis. Mit gewissen Abstrichen folge ich dem. Es geht darum, sinnliche Erkenntnis als relevanten Anteil unseres Erkenntnisvermögens zu kultivieren und in seiner Relevanz zu markieren. In der Konsequenz braucht es eine reflektierte Aufwertung dessen, was man «nonpropositionales Wissen» nennen kann, also Wissen, das sich nicht in begrifflicher Sprache bzw. Propositionen zum Ausdruck bringen lässt. Das ist allerdings durchaus eine Herausforderung – denn es geht darum, wie und durch wen über Geltungsansprüche entschieden wird, auch ganz konkret, wenn es beispielsweise um politische Entscheidungsfindung geht: Wer ist die Expert:in? Die, die Bücher schreibt und daraus Befunde ableitet, der, der mit künstlerischen Ausdrucksweisen auf mögliche Sichtweisen hinweist – oder eben beide?

Letzte Frage. Du behandelst in deinen Vorlesungen das Verhältnis von Klischees und Essenz sowie Ästhetik und Nachhaltigkeit. Was haben diese Dinge miteinander zu tun?

Klischees sind deshalb spannend, weil sie zugleich nötig und problematisch sind. Walter Lippmann hat mit Blick auf Stereotype eine Definition vorgeschlagen, die auch für Klischees gut passt und diese Spannung auf den Punkt bringt: Bei Klischees handelt es sich um «verfestigte, schematische, objektiv weitgehend unrichtige kognitive Formeln, die zentral entscheidungserleichternde Funktion in Prozessen der Um- und Mitweltbewältigung haben». Auch das lässt sich im «Labor Alpen» sehr gut untersuchen, wenn man sich etwa touristische Bildsprache anschaut. Der liegen mannigfaltige historische Erzählungen und Transitgeschichten zugrunde, aus denen sich ein buchstäblich unfassbares kollektives Imaginarium gebildet hat, aus dem sich kollektive Sehnsüchte, verfestigte Fremd- und Selbstbilder usw. speisen. Klischees helfen einerseits dabei, in dieser Unfasslichkeit durch radikale Vereinfachung zu einer kommunikationsbefähigenden Referenz zu kommen (ein «typisches» Bild, ein Klang, ein Geschmack), andererseits verfangen wir uns dann aber auch in dieser reduzierten Vorstellung dessen, wofür diese Referenz steht. Es ist unmöglich, alle Klischees zu überwinden. Man kann allerdings Voreingestelltheiten durcharbeiten. Das ist wie mit blinden Flecken: Wenn man sich bewegt, wandert der blinde Fleck mit. Für eine solche Beweglichkeit brauche ich historisches Wissen genauso wie kulturtheoretische und ästhetische Kompetenz und von konkreter Praxis und Erfahrung her informierte Einschätzungen über das, was de facto wirklich ist. Klischeearbeit ist somit ein gutes Beispiel für den Bedarf an kollaborativer transdisziplinärer Praxis.

Photo by Julian Stettler.

Jens Badura, Jonas Beck & Johann Xavier Meier

Jens Badura ist habilitierter Philosoph und Professor an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst, wo er den Studiengang «Creative Transformation» leitet und in den Bereichen «Postdisciplinary Art Research» und «Transformation Design» forscht. Zudem kuratiert er den Arbeitsbereich «Alpine Futures Literacy» am Institut Kulturen der Alpen an der Universität Luzern. Seine Arbeitsweise versteht er als transdisziplinäre Kulturphilosophie und Ästhetik im Spannungsfeld von reflexiver Konzeptarbeit und der Faszination für Weltwiderständigkeit.

Jonas Beck ist Transformationsdesigner mit Schwerpunkt auf sozial-ökologischem Wandel. Er ist Mitgründer des Schumacher Magazine und des Mindshift Lab und entwickelt Formate für alternative Zukünfte. Derzeit studiert er Eco-Social Design an der Hochschule Luzern (HSLU). Seine Forschung untersucht, wie Commoning nachhaltige Governance fördern kann, unter anderem durch den Einsatz von Serious Games. Seine Arbeit verbindet regeneratives Design, Facilitation und Postwachstumsökonomie.

Johann Xavier Meier ist ein unabhängiger Journalist und Redaktor mit Sitz in der Schweiz, der über ein breites Themenspektrum schreibt. Er hat einen Bachelor in PPE und interessiert sich besonders für heterodoxe Ökonomie, Machtverhältnisse, Selbstbestimmung und unkonventionelle Lebensweisen. Seine Arbeit ist getrieben von der Neugier auf frische Perspektiven auf das, was oft gewöhnlich, vertraut oder selbstverständlich erscheint.

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